„Die Gefangenen wurden weiter verprügelt, sogar als wir mit dem Rettungswagen drin waren“

Ärzte erzählen, was der Gesundheitsminister verschweigt

18. August 2020 | Olga Rodionova, KYKY.ORG
Minister of Health Vladimir Karanik
Gesundheitsminister Vladimir Karanik.
Source: KYKY

Am 17. August beantwortete der stellvertretende weißrussische Gesundheitsminister Vladimir Karanik emotionale Fragen der Protestierenden und der Ärtzte, die zu der Myasnikowastr. 39 kamen. Menschen verlangten seine Entlassung „wenn er auch nur einen Funken Gewissen in ihm hat“ und versperrten ihm den Weg zum Auto mit den Rufen „Schande“. Ob der zurücktretene Gesundheitsminister sein Gesicht wahren kann, werden wir noch erfahren. In diesem Artikel hat unsere Redaktion in die Gesichter einfacher Mediziner geschaut, die sich neuen Herausforderungen stellen, ohne sich von der Pandemie Covid-19 erholen zu können. 

Viktor Logatskiy, Intensivmediziner

Victor Logatskiy.
Source: KYKY.ORG

„Als alles anfing und wir erfuhren, dass es erste Verletzte gibt, entschieden wir, dass jeder seiner Arbeit nachgehen soll. Der Rettungsdienst half den Verletzten draußen, direkt bei den Demonstrationen. In den ersten Tagen organisierten wir unsere Arbeit in den Gebieten der härtesten Zusammenstöße, dort, wo Hilfe direkt vor Ort benötigt wurde. Wir stellten Verbandsmaterial und Antiseptika zur Verfügung. Zwei Verletzte habe ich selber versorgt. Es gibt zwischen uns auch Kollegen, die unter Beschuss, Knallgranaten und Drohungen von Einsatzkräften Verletzten halfen. Alles war sehr spontan organisiert, jeder tat, war er konnte. Wie hatten keinen Initiator oder Koordinator, jeder traf diese Entscheidung selbst und aus eigener Initiative und tat nach eigener Fähigkeit und nach eigenem Gewissen, was er konnte.“

Kristina Babitskaya, Chirurgin am 3. Stadtkrankenhaus

Kristina Babitskaya.
Source: KYKY.ORG

„Am 9. August hatte ich Rufdienst. Als die friedlichen Demonstrationen für faire Wahlen anfingen, hörte ich Schüsse in der Nähe meiner Wohnung am Denkmal Stella und erschrak. Ich wurde zur Arbeit gerufen, weil massenweise Aufnahmen in unser zentral liegendes Krankenhaus erwartet wurden. Um ca. 23 Uhr standen auf der Pieramožcaŭ Allee eine riesige protestierende Menschenmenge, sichtlich unbewaffnet, nüchtern, die meisten waren leise und skandierten keine Protestparolen. Sie wollten nur von der Regierung gehört werden. 

An diesem Tag wurden viele Protestierende verhaftet, wir hatten aber noch keinen großen Einstrom von Patienten. Seitdem habe ich fast nicht mehr geschlafen, weil es jeden von uns betroffen hat, insbesondere die Chirurgen. Wir können alles, was gerade passiert, kaum ertragen. Ich versorgte auch Verletzte auf den Straßen in meinem Stadtteil, ich hatte immer Verbandsmaterial und Desinfektionsmittel dabei.  Leider ist das genau im Bereich der Stella oft zum Einsatz gekommen. 

Einmal stieß ich auf Polizisten und ich wollte ihnen sagen, dass ich als Mediziner jedem Hilfe leisten darf, unabhängig davon, ob es ein Beamter, ein Sondereinheitspolizist oder ein friedlicher Bürger ist. 

Das ist uns egal, wir sind Ärzte und wir sind außerhalb der Politik. Das ist unser Beruf und unsere Pflicht. Menschen zu beurteilen ist nicht unser Job.

Schnell bildeten sich die Freiwilligengruppen für die Dienste bei den Zentren für Inhaftierung von Straftätern. Wir lieferten Verbandsmaterial und versorgten dort die Freigelassenen. Da waren Menschen, unsere Freunde und Verwandten, die nicht an den Protesten teilgenommen haben, sondern auf dem Weg zum Einkaufen auf der Straße verhaftet wurden. Der Zugang zu den Verletzten in den Zentren wurde uns lange verweigert. 

Die Verhafteten wurden dort halb zu Tode verprügelt. Es gab natürlich auch die, die noch gut davon wegkamen. Aber es gibt auch Verletzte, die nach mehreren Schlägen schwere Schäden der Wirbelsäule davon trugen, die jetzt berufsunfähig sind. Erschreckend ist, dass nicht alle Verhafteten auf offiziellen Listen geführt werden. Ihre Angehörigen können sie nirgendwo finden, weder in den Zentren für Inhaftierung noch in den Krankenhäusern. Die Hilfe von Freiwilligen ist sehr gut organisiert. Die Gefangenen kommen aus dem Gefängnis häufig geschockt raus, wissen nicht wie und wohin weiter. Die Helfer bieten einen Transport nach Hause oder eine Unterkunft an, stellen Essen und Kleidung zu Verfügung.

Anonym, Rettungssanitäterin

„Am 12. August wurden wir um 5 Uhr morgens zu dem Zentrum für Inhaftierung von Straftätern auf Akrestina gerufen. Ein Notruf ohne Personalienangabe, Status „Trauma nach Auseinandersetzung“. Wir hatten damals Glück mit der diensthabenden Notärztin, die uns befahl, maximal viele Menschen von da mitzunehmen. Das war auch unser Ziel. 

Wir durften alle Verletzten in ein zentrales Krankenhaus bringen, um keine Zeit zu verlieren. Eigentlich dürfen wie nur einen Patienten transportieren, nicht mehrere gleichzeitig. An diesem Morgen haben wir vier Jungs aus der Haftanstalt in Akrestina rausgeholt. Als wir da reinfuhren, lagen rechts der Pforte Leute, die weiter verprügelt wurden, sogar als mit dem Rettungswagen einfuhren. Sie haben laut geschrien, die Hälfte kniete mit dem Gesicht zum Boden in Embryonalstellung. Einige standen mit weit auseinander gestreckten Armen und Beinen an einer Mauer – und wurden weiter geschlagen.

Uns wurde gesagt, wir sollen nach links. Ich dachte erst, die Aufseher hätten die Seiten verwechselt. Aber sie haben uns auf eine andere Pforte links gezeigt, da mussten wir tatsächlich hin. Da saßen schon einige Menschen, einer davon stark alkoholisiert. Es wurde versucht, uns solche „Passagiere“ abzuschieben. Aber dabei waren auch verletzte ältere Menschen . Nach welchem Prinzip die Patienten ausgewählt wurden, verstehe ich noch immer nicht. Die Leute von der anderen Seite des Zauns schienen nicht weniger schwer verletzt zu sein. Ich fragte, warum ich diese nicht untersuchen darf. Mir wurde geantwortet, dass dort niemandem etwas wehtun würde und dass ich lieber keine weiteren Fragen stellen sollte. 

Wir verstanden, dass wir die vier Gefangenen, die wir im Rettungswagen hatten, so schnell wie möglich wegfahren mussten. In diesem Moment holte unsere Kollegin noch einige Verhafteten raus, ungefähr 18-jahrige Jungs, die sehr erschrocken waren. Direkt vor unseren Augen wurden diese weiter bedroht: ihren Eltern würde etwas angetan werden, wenn sie noch einmal verhaftet würden. Einer von ihnen stotterte vor Angst. 

Uns war klar, dass diese Jungs nicht schlimmes getan haben, dass sie nur friedliche Demonstranten waren. Ich sagte: „Sie hindern mich daran, erste Hilfe zu leisten. Diese Gefangenen sind schwer verletzt. Ich nehme sie mit“. Ein Mann im Sportanzug behauptete, sie bräuchten keine Hilfe und er brächte sie zurück in die Zelle. 

Als ich fragte, ob er mir unterschreibt, dass ihr möglicher Tod seiner Verantwortung unterliegt, antwortete er: „Ja klar, kein Problem“.

In diesem Moment wurde ich wütend: „Und wo haben Sie Medizin studiert?! Darf man das nach der Realschule überhaupt?“ Dann verstand ich aber, dass wenn unser Team (zwei Rettungssanitäter und der Fahrer) hier auch verhaftet werden, dann bin ich nicht nur für uns verantwortlich, sondern auch für die vier Patienten, die mit uns eine Chance hatten, aus dieser Hölle rauszukommen.  

 Wir riefen noch einen weiteren RTW dazu – wir dürfen das selber machen – um diese 18-jährigen zu retten. Ich fürchtete, sie würden zurück in die Zellen gebracht und verschwinden. Wir konnten aber unsere vier mitnehmen – was für ein Glück. 

Vladimir Karanik, Gesundheitsminister, bei der Demonstration.
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Das war unser letzter Einsatz, unsere Schicht endete, als wir die Patienten um 9 Uhr ins Krankenhaus brachten. Unsere Kollegen erzählten, dass es schnell problematisch wurde, mehrere Patienten gleichzeitig abzuholen. Entweder wurde nur die Verlegung von einem Verletzten erlaubt, oder es wurden Patienten mit Schädel-Hirn-Traumata aus dem Rettungswagen gezerrt mit der Begründung, sie seien nicht verletzt und müssen wieder in ihre Zelle. Ein Team wurde aufgrund von „zu viel Mitleid“ weggeschickt. Wenn wir helfen wollten, hatten wir kein Recht da zu sein.

Manchmal machten sie die Tür des Rettungswagens auf: „Du, du und du – ihr braucht gar keine Hilfe, wir haben es uns anders überlegt, raus!“ Mein Bekannter Maxim Solopov, Journalist von der Ermittlungsabteilung bei der Redaktion „Medusa“, wurde auch in der ersten Nacht der brutalen Zerschlagung der Proteste am 9 August verhaftet. Er wurde zwei Tage später freigelassen und nach Russland deportiert. In diesen zwei Tagen wurde zu ihm zweimal der Notarzt gerufen, er hatte ein Schädel-Hirn-Trauma und konnte kaum stehen. Er durfte aber nicht abgeholt werden. Ihm wurde von Ärzten ein Verband am Kopf angelegt, in der Hoffnung, er würde damit weniger geschlagen. 

Ich tue mich schwer damit zu erklären, was diese Menschen bewegt, die 16-jährige Jugendliche bis so einem Zustand zu verprügeln, dass sie in ein künstliches Koma versetzt werden müssen. Oder wie man bei einem Diabetiker seine Insulinpumpe ausreißen kann – das kann tatsächlich töten. Wenn solche Patienten im Krankenhaus aufwachen, können sie nicht sofort glauben, dass sie nicht wieder in Gefängnis gebracht werden.

Das alles ist furchtbar und nicht normal.“