Der schönste Protest der Welt: Die Geschichten belarusischer Frauen, die gegen die Sonder-Polizei OMON aufbegehren

2. September 2020 | Nadezhda Nizamova, woman.ru

Sie versuchen, die Gewalt in ihrem Land zu stoppen und stellen sich in Solidaritätsketten mit Blumen in den Händen auf

Source: Getty Images, via woman.ru

Als ihre Männer, Brüder, Väter und Söhne sich plötzlich im Gefängnis wiederfanden, gingen sie auf die Straßen belarusischer Städte. Sie begegneten von Angesicht zu Angesicht dem Militär und der Polizei-Sondereinheit OMON. Dafür werden sie auf der ganzen Welt bewundert. Hunderte Belarusinen hatten sich in Solidaritätsketten mit Blumen in den Händen aufgestellt, um die Gewalt in ihrer Heimat zu stoppen. Und plötzlich hat der Protest ein weibliches Gesicht bekommen. Woman.ru veröffentlicht die Geschichten von sechs solcher Frauen. Um ihre Ausdauer, ihren starken Geist und ihren Mut werden sie sogar von Männern beneidet.

Am 12. August haben Frauen sich bei einem Straßenprotest in einer Solidaritätskette aufgestellt. 
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„Wir haben die Polizei-Sondereinheit nervös gemacht“

Die Machthabenden in Belarus haben immer schon auf die Frauen von oben herab geschaut, berichtet die 26-jährige Journalistin Hanna Daniljuk. Frauen wurden in den Hintergrund gedrängt und nur als Hausfrauen wahrgenommen. Noch nie ist eine Frau zum Gesicht eines Protests oder einer Revolution geworden. 

… Unser Präsident ist ein Sexist. Er sagte, die belarusische Verfassung sei nicht auf Frauen gemünzt. Das „arme Ding“ würde unter der ganzen Last zusammenbrechen… 

Und plötzlich betreten diese Frauen die politische Schaubühne, beteiligen sich an Protesten und führen das Volk an. Keiner kann sie aufhalten und schlau sind sie auch noch. Wenn in Telegram-Kanälen angekündigt wird, wo die nächste Kundgebung stattfinden soll, und die Polizei-Sondereinheit dahin eilt, ändern die Frauen im letzten Moment die Richtung. Das macht die Polizei nervös.

Anna ist TV-Journalistin. Die Proteste, Gewalt und Willkür zeigten ein ganz anderes Bild als das, was ihre Vorgesetzten gesendet hatten. 
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„Verstehen Sie, es geht nicht nur um die Schönheit oder Blümchenschwenken. Es ist unsere Art den Machthabenden zu zeigen – wir sind viele: Viele Unzufriedene mit den Wahlergebnissen, mit der Rhetorik der Macht , mit der Respektlosigkeit und der Arroganz. Wir sind auf der Straße und wir werden wieder kommen. Besorgt euch genug Beruhigungstropfen und schaut uns zu.

Wir sind es leid, Angst zu haben. Zu schweigen. Die Angst ist kein Grund, zu Hause zu bleiben. Wir werden die Gewalt, die in den ersten Tagen nach den Wahlen gegenüber unseren Brüdern und Freunden in Untersuchungsgefängnissen angewendet wurde, nicht vergessen. Wir werden die Todesopfer nicht verzeihen. Wir wollen verhindern, dass so etwas sich wiederholt.

Die Machthabenden, die russischen Propagandisten, die gerade versuchen, Teile unseres Volkes wegen Religion, Flaggen oder Sprachen aufeinander zu hetzen, werden uns nicht brechen. Bis jetzt können wir über all diese Versuche nur lachen, denn die Menschen in Belarus sind sehr miteinander verbunden. Unsere Nation wurde neu geboren, sie wurde zusammengeschweißt, ist stark und solidarisch geworden. Und das alles absolut friedlich. Dieses Volk lässt sich nicht provozieren“, sagt die junge Frau.

Anna ist mit ihren Freundinnen zu den Protesten gegangen. 
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Noch Anfang August war Anna bei einem staatlichen Fernsehsender angestellt. Aber das Wegrennen und Verstecken vor der Sonder-Polizei, Gewalt und Festnahmen passten für sie mit den Reportagen, die ihre Vorgesetzten gesendet hatten, nicht zusammen. 

„Ich hatte beruflich nichts mit der Politik zu tun, aber eines Tages konnte mich das auch nicht mehr beruhigen. Irgendwann schämte ich mich, mich in der Öffentlichkeit mit dem Mikrofon und dem Logo unseren Senders oder unserem Auto zu zeigen“, sagt die junge Frau. „Aber hetzen Sie nicht gegen die Fernsehjournalisten. Ich kenne einige, die ihren Job sabotieren, wenn sie einen fragwürdigen Auftrag bekommen. Sie weigern sich, verlogene Reportagen zu machen – stattdessen gehen sie auf friedliche Proteste und kleben Flugblätter. Viele verstehen und unterstützen die Position der Protestierenden.“ 

Hanna begann schon lange vor den Wahlen zu den Kundgebungen zu gehen, erstmals, als Wiktar und Eduard Babaryko verhaftet wurden (Wiktar Babaryko ist ein belarussischer Bankier, der als Kandidat für die Präsidentschaft der Republik Belarus aufgestellt wurde. Zusammen mit seinem Sohn Eduard wurde er am 18. Juni 2020 festgenommen.) (Anm. – Woman.ru).

 Ich konnte nicht anders, als mich an den Aktionen zu beteiligen. Meine Stimme wurde mir gestohlen. Und ich wollte gehört werden. Der Frauenmarsch und andere Proteste sind ein Schritt in Richtung eines neuen Belarus.

Ein Belarus, in dem wir alle leben wollen. Am Tag der Festnahme Babarykos gingen die Menschen auf die Straße, aufgereiht in einer Kette entlang des Prospekten der Unabhängigkeit (Hauptallee in Minsk – Woman.ru). Und ich war dort, weil ich faire Wahlen wollte. 

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Die erste Solidaritätskette von Frauen, in die sich Hanna einreihte, war am 14. August. Sie hielt einen Strauß aus kleinen Rosen und Gypsophila in den Händen. 

„Ich habe mich nicht gefürchtet. Es war ein Gefühl der perfekten Harmonie mit Mädchen und Frauen jeden Alters. Wir standen entlang der Hauptstraße, vorbeifahrende Autos hupten, weiß-rot-weiße Flaggen – ein Symbol des Protests – wehten aus den Fenstern. Wir wurden fotografiert, uns wurde von gleichgesinnten Belarusen Wasser und Nahrung gebracht. Es war eine fröhliche, festliche Stimmung und gleichzeitig spürte man Schmerz und Ablehnung der Brutalität, Gewalt und Prügel.“

Am 29. August fand in Minsk ein groß angelegter Frauenmarsch statt. Eine Sondereinheit der Polizei (OMON) arbeitete dort, fuhr mit Gefangenentransportern vor und sperrte die Gegend ab. 

„Ich war zur Festnahme bereit, konnte mir nicht einmal vorstellen, dass ich zu Hause oder irgendwo in einem Cafe sitzen würde. Im Feminismus gibt es so etwas wie eine Schwesternschaft, in der sich Frauen auf der Grundlage ihrer Identität, ihres Wesens, gegenseitig unterstützen. Und so war auf dem Marsch das Gefühl der Verbundenheit stärker denn je. Stellen Sie sich vor: 10.000 Menschen, jeder bereit, füreinander einzustehen, zu helfen, die Hand zu reichen… Es ist überirdisch.“

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„Wir haben noch nie die Chance gesehen, das System zu brechen“

„Ich bin 52 Jahre alt, Oberstleutnant der Polizei im Ruhestand. Aber einmal Offizier – immer Offizier. Ich gehöre zu denen, die weinen, wenn sie ‚Der Barbier von Sibirien‘ ansehen, es geht dort sehr subtil um die Ehre der Menschen in Epauletten. Ich war eine hochrangige Führungskraft. Während meiner Dienstzeit erhielt ich viele Befehle, aber ich habe nie eine einzige Tat begangen, für die ich mich vor meinen Kindern schämen müsste.

Ich glaube, dass der Mensch immer eine Wahl hat, egal wie schwierig die Lebensumstände sind. Deshalb das erste, was ich vor den Wahlen noch getan habe, war die Teilnahme an dem öffentlichen Appell von Ex-Polizisten an die amtierenden Kollegen über den Scheißzustand des Strafverfolgungssystem. Es war der schwierigste Schritt – in meine Vergangenheit einzutauchen.“

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Elena Tritsch sagt, dass sie, wie fast alle Belarusen, sich seit langem „hilflos“ fühlte, dass sie nicht in der Lage war, eine unfaire Situation zu ändern, obwohl ihre Seele dagegen protestierte. 

 Ich habe in keinem der Wahlen meine Stimme für Lukaschenko abgegeben, ebenso wenig wie die Mehrheit der Menschen um mich herum. Zweimal bewachte ich die Wahllokale und begriff, dass die Polizisten keinen Einfluss hatten.

„Früher haben wir immer die Unvermeidbarkeit des Geschehenen akzeptiert, sahen keine Chance, das verrottete System zu brechen.“

„Am 9. August in den Wahllokalen“, erinnert sich die Frau, „gab es einen anderen Geist, viel Hoffnung auf Gerechtigkeit, darauf, dass die Stimmen berücksichtigt werden. Und die Frustration brachte die Menschen auf die Straßen.“

 „Es passierte ein Paradigmenwechsel nach den ersten Tagen des Grauens und die Verwunderung über die Fähigkeit derer, mit denen ich gestern gedient habe, solche Grausamkeiten zu begehen. All die Jahre habe ich dem Gesetz und den Menschen unter Eid gedient. Es ist, als würde all das entwertet, dem ich 20 Jahre meines Lebens gewidmet habe.“

Die erste Aktion, der sich Elena anschloss, fand am 13. August statt.
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Damals beschloss Elena, sich der Frauenbewegung gegen Gewalt anzuschließen. Es war heiß, die Schuhe scheuerten an den Füßen, aber ursprünglich wollte man überhaupt festlich gekleidet und hochhackig gehen! 

 „Bei dem großen Frauenmarsch am 29. August wiederholte der Sonder-Polizist, der mich von der Straße gedrängt hatte, immer wieder: ‚Bitte lasst mich nicht hängen, man beobachtet mich, ich muss Befehle befolgen.‘“ 

Es ist beängstigend, jetzt zu reden, aber es ist kriminell, zu schweigen, sagt Elena.

 „Ich habe eine Entscheidung für mich selbst getroffen. Ich brauche nicht viel, ich bin eine Rentnerin, aber ich kann den Menschen mit meinem Wissen, meiner Erfahrung und meinem Coaching trotzdem helfen. Und außerdem habe ich wunderbare Kinder, die jetzt nicht in Belarus leben. Um sie so zu erziehen, habe ich nicht gepredigt. Ich lebte nur nach meinem Gewissen.“

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„Ich war bereit, 15 Tage Haft zu bekommen“

Natalia Zhukawa, 31, ist eine Designerin. Sie nimmt an fast allen Aktionen in Minsk teil, zum ersten Mal am 18. Juni als Wiktar und Eduard Babaryko festgenommen wurden. Sie war auch bei dem Protest am 9. August dabei, kurz nachdem die Wahllokale geschlossen worden waren.

„Als ich zu der Stele ging (die Stele ‚Minsk-Heldenstadt‘, einer der Orte, an denen sich die Demonstranten versammeln – Anm. Woman.ru), hatte ich keine Angst. Ich war bereit, mich verhaften zu lassen und für 15 Tage in die Haft zu gehen. Zu Hause packte ich sogar eine kleine Tasche für die Gefangenensammelstelle (CIP), entwarf Anweisungen für meine Freunde, wem sie über meine Haft berichten sollten. Ich nahm einen Rucksack mit Hygieneartikeln, Wechselunterwäsche, Nüssen, Wasser, Medikamenten und einer Visitenkarte eines Anwalts mit.“ 

Natalia arbeitet als Designerin, sie fertigte Plakate für Mädchen an, die an der Aktion teilgenommen haben.
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„Natalia lief zum Versammlungsort, und die Menschen rannten in Panik ihr entgegen und riefen, dass dort Gas versprüht wurde. Sie verstanden nicht, was vor sich ging. Und es gab dort kein Gas, die Sicherheitskräfte setzten nur Schockgranaten und Wasserwerfer ein“, erinnert sich das Mädchen. 

Natürlich war es beängstigend. Und als ein Passant sagte, dass das Gesicht eines Mädchens von Schrapnellsplittern zertrümmert sei, beschloss ich: Genug für heute. Es war etwa 1:00 Uhr morgens. 

Die erste friedliche Aktion, an der Natalia teilnahm, war die Solidaritätskette der Frauen am 12. August. Davor, sagt sie, sei es gefährlich gewesen, das Haus auch nur zu verlassen. 

„Ich glaube nicht, dass sich die belarussischen Frauen von allen anderen Frauen auf der Welt unterscheiden. Sie haben einen großen Beitrag zu dem Protest geleistet. Aber die Tatsache, dass unser Land von Sexisten regiert wird, hat eine große Rolle gespielt. Sie haben Frauen nie als gleichberechtigt wahrgenommen, und jetzt zeigen die Teilnehmerinnen an friedlichen Aktionen ihren Geist und lassen sie nicht vergessen, dass noch keine einzige Forderung der Protestierenden erfüllt wurde.“

Nun werden die Behörden beginnen, Frauen als gleichberechtigt zu betrachten, glaubt Natalia.
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Gleichzeitig haben Frauen, so Natalia, die Gewalt nicht gestoppt.

„Es ist bedauerlich, darüber berichten zu müssen, aber die Gewalt wurde von demjenigen gestoppt, der sie ausgelöst hat. Am ersten Tag der Blumenkundgebungen, am Abend, wurden noch Barrikaden gebaut, aber sowohl die Demonstranten als auch die Vollzugsbeamten waren bereits erschöpft. Und schon am nächsten Tag, während wir am Akrescina (in der Akrescina-Straße gibt es ein Gefangenensammelstelle (CIP)) und Shodina (dort befindet sich ein Untersuchungsgefängnis Nr. 80) geschlagene und verstümmelte Menschen empfangen, verschwanden plötzlich alle Sicheheitskräfte auf den Straßen, es waren nur ein paar Gefangegentransporter (Autosacks) für die ganze Stadt. Jeder brauchte eine Pause. Wir bekamen eine Woche lang ein relativ ruhiges Leben, und dann begann das Ganze wieder von vorn.“

Natalia gibt zu, dass sie an den Kundgebungen teilnehmen wird, solange sie kann. Aber wenn ihr Leben bedroht ist, wird sie das Land verlassen. 

„Viele Menschen aus Russland unterstützen uns, schreiben Worte der Bewunderung, und es freut uns sehr. Dafür bewundere ich das Chabarowsker Volk.“

Schneeweiße Kleider und Blumen in den Händen – so gingen die Mädchen zu den Kundgebungen und säumten die Ketten der Solidarität.
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„Ich wurde nicht als eine Bürgerin, als eine Persönlichkeit gesehen“

„Ich habe die Lügen satt, die ich aus den staatlichen Medien höre, ich habe es satt, Angst zu haben, ich habe es satt, mich für den amtierenden Präsidenten, sein Verhalten, seine ungebildeten Reden und seine Beleidigungen zu schämen. Ich bin es leid, meine Eltern zu bemitleiden, die ihr ganzes Leben lang gearbeitet haben und am Ende kein Kapital haben. Aber der letzte Tropfen waren die verfälschten Wahlen. Mir wurde meine Stimme entzogen. Ich wurde als eine Bürgerin, als ein Mensch gesehen.“

Alesja Samuilik ist 38 Jahre alt. Sie ist eine selbstständige Einzelhändlerin. Seit dem 14. August hat sie an Frauenaktionen und an friedlichen Sonntagsdemonstrationen teilgenommen. 

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„Die Worte von der Mutter einer Freundin haben mich sehr berührt. Sie sagte, früher hatte sie sich geschämt zu sagen, dass sie Belarusin ist und jetzt ist sie voller Stolz. Belarusische Frauen sind zäh, von Generation zu Generation wird ihre innere Kraft weitergegeben. Sie sind unabhängig und entschlossen, bleiben aber dabei feminin und sanft.“

Alesja sagt, es sei nicht genug, gegen die Gewalt und das Regime zu sein. Man muss auch sich im Klaren sein, „für was“ man ist.

„Ich unterstütze nicht die Opposition und sehe keinen würdigen Gegenkandidaten. Aber ich spreche mich für die Freilassung politischer Gefangenen und freie Wahlen aus.“

Das ist doch wahr! Die Liebe wird die Welt retten.
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„Hört auf, unsere Männer, Väter und Söhne zu verkrüppeln“ 

Natalia ist 36, sie ist Ökonomin. Zurzeit ist sie im Erziehungsurlaub mit ihrem kleinen Kind. Man würde meinen, sie ist die perfekte belarusische Hausfrau – so wie Lukaschenko sie sich so gerne vorstellt. Aber auch Natalia hat sich den Protesten angeschlossen, weil sie mit den Wahlergebnissen nicht einverstanden war. 

„Wir glaubten, dass das Grundgesetz des Landes – die Verfassung – allen Bewohnern unseres Landes etwas bedeutet. Und mit diesem Glauben sind wir massenweise zur Wahl gegangen. Aber schon am Wahlabend wurde das Land abgeschirmt und wir alle blieben im Informationsvakuum. Drei Tage lang haben wir stumm geschrien, unsere Seelen brannten vor Schmerz, Verzweiflung und Empörung. Was soll das alles? Hier? Derjenige, der seine Kinder beschützen soll, zerstört sie. Wie kann es sein?“ 

Natalia ging zu Protesten nicht alleine – sie wurde von ihrer Familie unterstützt.
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Da sie über die Gewalt der Machthaber wusste, ging Natallia abends nicht auf die Straße. Aber ihre Seele sehnte sich danach, irgendetwas zu tun, um das Chaos zu stoppen. 

Und plötzlich fand ich mich neben den jungen Frauen mit den Blumen wieder. Ich habe drei Söhne, der älteste wird in einigen Jahren wehrdienstpflichtig. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er und ich auf unterschiedlichen Seiten der Barrikaden sein werden, dass er auf seine Schwestern und Brüder einschlägt.

„Wir alle sind Töchter, Frauen, Schwestern, Großmütter, Mütter, Väter, Söhne, Ehemänner, Großväter von jemanden. Unser menschliches Recht auf das Leben wurde verletzt.

Das Phänomen der belarusischen Frauen liegt in ihrer Liebe zu sich selber, zu ihren Kindern, ihren Vorfahren, ihrer Heimat. Wir wollen die Gemüter beruhigen, die Aggression bändigen, zum Dialog und Frieden aufrufen. Wir wollen die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf die Verletzungen der menschlichen Grundregeln lenken: Schade nicht, lüge nicht, töte nicht!“ sagt Natalia. 

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„Es ist ein Kampf um die Zukunft der Kinder“

Olga Goma ist 30 Jahre alt, sie ist Kinder- und Familienpsychologin. Sie hatte bereits als 16 jährige an den Protestaktionen nach den Präsidentschaftswahlen 2006 und später auch 2010 teilgenommen. Sie erinnert sich, dass damals schon viele verstanden hatten: Es muss einen Machtwechsel geben. 

„Dieses Mal habe ich nicht nur an Frauen, sondern auch an allgemeinen Aktionen teilgenommen. Wenn jemand auf die Kinder aufpassen konnte, hatte ich mich den Solidaritätsketten angeschlossen. Zu dem Marsch für die Freiheit sind wir als Familie mit unseren Kindern und Freunden gegangen.“ 

Olga hat an allen Protestaktionen nach den Präsidentschaftswahlen teilgenommen.
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Am 9. August gab es kein Internet, Olga hatte alle Nachrichten aus Telegram erfahren. Sie war besorgt, konnte nicht schlafen. Durch die offenen Fenster ihrer Wohnung hörte sie das Hupen der Polizeiautos, dann kamen Schüsse und Lichtblitze – es waren Granaten. 

 „Als die Frauen am 12. August auf die Protestaktion gingen, hatten wir gehofft, dass uns mitten am Tag nichts passiert. Und es war tatsächlich so. Jeden Tag kamen noch mehr hübsche, starke Frauen dazu“, sagt Olga. „Ich hatte Angst, aber in erster Linie nicht um mich, sondern um die Kinder. Aber gleichzeitig wusste ich: Es ist ein Kampf um ihre Zukunft. Ich will ihnen später sagen können, dass wir alles in unserer Macht stehende getan haben!“

Am ersten und zweiten Tag haben die Teilnehmerinnen gesehen, dass friedliche Proteste bei den Menschen gut ankommen.

 „Menschen dankten uns, die vorbeifahrenden Autos hupten endlos, viele winkten uns aus den Fenstern zu. Frauen hatten geweint und wir sahen Tränen in den Augen vorbeigehender Männer. Manche blieben stehen und nahmen uns in Arm. Später kamen Männer vorbei und brachten uns Wasser, Süßigkeiten, Blumen und Luftballons. Wenn es kalt wurde, bekamen wir sofort Kaffee und Tee serviert, wenn heiß – das Eis.“

Belarusinnen sind unfassbar schön, und ich meine nicht nur das Äußere, sondern auch ihre Seele! Empathisch, verständnisvoll, mitfühlend. Und dabei sehr stark. Wir weinen über jede Geschichte, die wir von den Opfern der Gewalt hören. Danach stehen wir auf und machen uns auf den Weg, um zu helfen.

Olga ist Psychologin. Ihre Kollegen und sie helfen den Opfern der Willkür und Gewalt der Machthaber und des Militärs. 
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Olga sagt, die Proteste finden weiterhin statt, jeden Tag. Wieder werden Menschen festgenommen, sogar Frauen werden eingeschüchtert. 

„Vor ein paar Tagen wurden die Protestierenden, die vor der Sonderpolizei in die Rote Kirche (Katholische Kirche im Zentrum von Minsk – Anm. des Übersetzers) geflohen waren, dort abgeriegelt und eingesperrt. Jetzt, wenn ‚Unbekannte‘ (ohne Uniform und Dienstausweise) versuchen jemanden zu verhaften, kämpfen die anderen dagegen an und geben die Menschen nicht frei. Viele große Unternehmen streiken, man versucht bei staatlichen Geschäften nicht einzukaufen und keine staatlichen Tankstellen zu nutzen, um die Sonderpolizei dadurch nicht zu finanzieren. Ärzte, Juristen, Psychologen leisten ehrenamtlich Hilfe für die Opfer der Gewalt.“

Jetzt, sagt Olga, möchte sie und viele in ihrem Bekanntenkreis, dass Lukaschenko als Präsident zurücktritt. Sie wollen, dass alle politischen Gefangenen und während der Protestaktionen Inhaftierten freigelassen werden. Sie wollen transparente und faire Wahlen mit unabhängigen Beobachtern. Sie wollen alle vor Gericht sehen, die das Volk misshandelt haben. Alle die Befehle gegeben und sie ausgeführt, alle die an Wahlfälschungen sich beteiligt haben.