„In diesen Qualen wird das neue Belarus geboren”

Wie Akrescina zu einer Außenstelle der Hölle wurde – ein Bericht aus dem Camp

19. August 2020 | Maria Meliochina, KYKY.ORG
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Journalistin Maria Meljochina und Fotograf Egor Wojnow besuchten das improvisierte Camp in der Nähe von Akrescina. In dieser berüchtigten Haftanstalt landeten die meisten Menschen, die bei den friedlichen Protesten in Minsk festgenommen wurden. Man weiß nicht genau, wie viele von ihnen noch immer dort sind – das Innenministerium und die Haftanstalt geben keine Auskunft. Die Aussagen der Freigelassenen sind auch nicht einheitlich: „Einige sagen, da ist kaum noch jemand drin, andere behaupten den Gegenteil.” Das ist verständlich, denn Akrescina vereint zwei Einrichtungen unter einem Dach – das sogenannte „Zentrum für die Isolation von Gesetzesbrechern„ (ZIP) und das Untersuchungsgefängnis (IWS). Ein Teil von Akrescina kann also leer sein, während die Zellen im anderen Teil voller Menschen sind.

Foto- und Videoaufnahmen in der Nähe der Haftanstalt sind nach wie vor untersagt, um keine Folterungen und Gewalt gegen die Inhaftierten zu provozieren.

Am Eingang des Camps empfängt uns ein christlich-orthodoxer Priester, Vater Pavel. Er sagt, dies sei der Ort, an dem gerade ein neues Belarus entsteht.

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Der Priester führt aus:

In unserem Land herrscht Gesetzlosigkeit – anders kann man das nicht nennen. Niemand weiß, was gerade hinter diesen Mauern passiert. Damit die Häftlinge nicht geschlagen und gedemütigt werden, verhalten wir uns still. Natürlich gibt es auch Provokateure. Gestern kam eine Frau vorbei und fing an zu schreien: „Was steht ihr hier? Ich gehe zur Arbeit, und ihr streikt. Was haben die euch dafür bezahlt?” Aber die Menschen hier gehen gar nicht mehr darauf ein. Momentan sind aus der Haftanstalt keine Schreie zu hören, aber in den ersten Tagen hörte man schreckliches Stöhnen. Ich habe Einige nach Hause gefahren, die kurz zuvor freigelassen wurden. Was sie erzählten, ist die reinste Hölle. Diese Menschen wurden für unsere Freiheit und unser Land zusammengeschlagen und misshandelt. In diesen Qualen wird gerade das neue Belarus geboren. Die Gewalttäter, die das Gesetz gebrochen haben, werden dafür geradestehen. Leider kann ich nicht hinein, um zu den OMON-Leuten zu sprechen und an ihre Herzen zu appellieren. [OMON ist die Bezeichnung der Polizeisondereinheit, die für die Gewaltexzesse maßgeblich verantwortlich ist – Anm. d. Üb.]

Wir betreten das Camp – ein Zeltlager. Es ist in Bereiche unterteilt, in denen Anwälte, Ärzte und Psychologen arbeiten. Es gibt eine Annahmestelle für Spenden. Überall liegen Wasserflaschen, Bekleidung und warme Decken. Es gibt warmes Essen und Tee.Vor dem Eingang in die Haftanstalt hängt die Angst regelrecht in der Luft. Menschen verdecken ihre Gesichter und weigern sich mit der Presse zu sprechen, auch wenn sie anonym bleiben. Sie haben Angst, erkannt und verfolgt werden, auch wenn sie nur von hinten im Bild zu sehen sind.

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„Foto- und Videoaufnahmen verboten”
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Der ehrenamtliche Helfer Sergej gehört zu den wenigen, die bereit sind, mit uns zu sprechen. Den vierten Tag in Folge hält er hier Wache, schläft direkt in seinem Stuhl. Er sagt, die Angst zu reden, die so viele Menschen hier haben, könne man nur begreifen, wenn man einige Tage hier verbringt. Kaum noch etwas könne ihn schockieren – er wusste, worauf er sich einließ. „Ich kann all den Schmerz nicht in Worte fassen. Ich hatte nicht vor, so lange hier zu bleiben. Aber hier kann ich so viel mehr für die Menschen tun, als wenn ich zur Arbeit gehe.„

Das Camp an der Haftanstalt wird von Freiwilligen betrieben. Sie gehören keiner Organisation an, bekommen keine Gehälter, das Camp hat keinen offiziellen Status und kann jederzeit geräumt werden – rund um die Uhr kursieren Polizeitransporter um das Camp. Alle, die den Freigelassenen helfen, wissen genau – sie selbst könnten morgen genauso festgenommen und inhaftiert werden. Sergej sagt:

Im Moment weiß niemand genau, wie viele Menschen in den Zellen der Haftanstalt festgehalten werden, ob 20 oder eintausend. Der eine Freigelassene erzählt, es sei niemand mehr drin, und dann kommt ein anderer frei und behauptet das Gegenteil. Die Haftanstalt Akrescina besteht aus zwei verschiedenen Einrichtungen. Die eine kann leer sein, während die andere brechend voll ist. Niemand weiß es genau. Und dann gibt es auch zahlreiche Vermisste, deren Namen von Angehörigen in keiner der Listen gefunden werden können. Laut einer der Liste von Inhaftierten war ein Freund von mir hier, in Akrescina, er wurde aber in Sluzk [eine Stadt ca. 100 km von Minsk entfernt – Anm. d. Üb.] freigelassen. Akrescina erteilt keine Auskunft über die Verhafteten, daher können wir die offiziellen Angaben und Listen nicht überprüfen.

Von ehrenamtlichen Helfern erstellte Namenslisten der Gefangenen.
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Eine Vermisstenmeldung.
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Sergej zeigt auf einen Berg von Wasserflaschen auf dem Rasen – das sei nur ein Zehntel dessen, was in diesen drei Tagen gespendet wurde. Das Wasser, das nach dem großen Solidaritätsmarsch im Zentrum von Minsk übrig blieb, wurde ebenfalls hierhin gebracht. „Wir sind unwillkürlich zu einem Verteilungszentrum geworden (lacht). Gerade haben wir fast drei Tonnen Wasser an Hospize und Obdachlosenunterkünfte weitergegeben. Das geschieht nicht nur in Minsk, sondern auch in Schodsina, Baranowitschi, Sluzk. Wir geben auch Bekleidung und übriggebliebene Lebensmittel weiter. Alles läuft sehr schnell, das System funktioniert gut: Um 12 schicken wir zum Beispiel eine Ladung Bot los, und um 13 Uhr bekommen wir schon Bilder aus der Kantine, wo das Brot geschnitten und serviert wird. Momentan läuft es gut, die Straßen sind frei, aber wir müssen trotzdem immer erst ein Auto finden. Einmal hat uns eine Frau angeboten, ihr Lagerhaus zu nutzen, aber wir konnten da nicht hinkommen, weil die Straßen blockiert waren,„ erzählt Sergej.

Auf die Frage, ob auch aus der Nachbarschaft Hilfe komme, schüttelt er den Kopf: „Nein, sie beschimpfen uns auch noch dafür, dass wir sie nicht in Ruhe lassen.„ Dann schaut er mich prüfend an und fragt: „Seid ihr überhaupt Journalisten? Hier gibt es viele verdeckte Polizisten. Hättet Ihr blaue Flecken oder ein verbundenes Bein, würdet Ihr authentischer wirken.” Ich versuche ihn zu überzeugen, dass wir KYKY-Reporter sind und mit Akrescina nichts zu tun haben, aber das Gespräch ist beendet.

Menschen wurden farblich markiert, damit klar ist, wer besonders brutal und wer weniger hart geschlagen wird

Ein junger Mann mit einem Gipsverband am Fuß humpelt an uns vorbei.

Redet lieber mit Leuten, die schon freigelassen wurden und jetzt zurück kommen, um ihre Sachen abzuholen. Sie sind leicht zu erkennen – alle sind verbunden und eingegipst.

Wir nähern uns dem Platz mit einer riesigen Menschenmenge – sie alle warten darauf, ihre Sachen abholen zu dürfen.

In der Nähe stehen improvisierte Stellwände mit Namenslisten. Wir sehen Blutspuren auf dem Rasen. Ich frage einen der Freiwilligen, ob alle persönlichen Gegenstände wiedergefunden werden. Mittlerweile sei die Suche einfacher geworden, sagt er. Ehrenamtliche sortieren die Sachen und versuchen, die Besitzer anhand der gefundenen Papiere zu identifizieren. Anfangs ließ man die Helfer nicht in die Haftanstalt hinein, es herrschte totales Durcheinander. Ganze Räume, in denen sich die Sachen bis zur Decke stapelten. Als man die Menschen dort hineinließ, gaben viele auf und fingen gar nicht erst an zu suchen – es war einfach sinnlos.

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„Achtung, Nachnamen in den Listen können falsch geschrieben sein. Wenn Sie inhaftiert waren, aber nicht in der Liste stehen, gehen Sie trotzdem zum ZIP”; Liste der persönlichen Gegenstände im ZIP; „Ärztliche Hilfe„; „WC„.
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Wir gehen auf eine kleine Gruppe von Menschen auf dem Rasen zu und bitten sie, uns zu erzählen, warum sie hier sind. Erst weigern sie sich, und wir versuchen wieder zu beweisen, dass wir keine verdeckten Polizisten sind. Schließlich ist Nikolai bereit, seine Geschichte zu erzählen: Er wurde am 11. August festgenommen, obwohl er gar nicht an den friedlichen Protesten teilgenommen hatte. Heute kam er hierher in Begleitung seiner schwangeren Frau. Es folgt eine direkte Wiedergabe seiner Worte, ohne redaktionelle Eingriffe.

„Ich wurde am 11. August verhaftet und kam nach Akrescina. Sehen Sie den Hof dort? Dort wurden wir zusammengeschlagen. Sie nannten das „Rösten”. Ich war drei Tage hier und kam für einen weiteren Tag ins Untersuchungsgefängnis in Sluzk. Ich habe an keiner Protestaktionen teilgenommen, sondern war einfach auf dem Weg nach Hause. Zwischen den U-Bahn-Stationen Puschkinskaja und Sportiwnaja wurde ich festgenommen. Nun ja, was heißt schon festgenommen? Ich habe einen Passanten angesprochen und gefragt, ob er mir sagen könnte, wie ich sicher nach Hause nach Kamennaja Gorka kommen kann, ohne in die Proteste verwickelt zu werden. Er sagte, er würde es mir zeigen. Ich folgte ihm um die Ecke – da stand ein Polizeitransporter bereit. Anscheinend haben sie mich wegen meines weißen Armbands festgenommen, das ist für sie wie ein rotes Tuch. Ich hatte auch das Wappen „Pahonia” [Staatswappen 1991–1995] auf meinem Telefonbildschirm. So hielten sie mich wohl für einen Protestler. Das war gegen 22 Uhr. Später sagten sie vor Gericht, ich sei gegen zwei Uhr morgens auf den Barrikaden in Kamennaja Gorka gewesen und hätte irgendwelche Parolen gerufen, obwohl das gar nicht stimmt.

Ich wurde nicht sonderlich hart geschlagen, aber ich habe gesehen, wie es anderen ergangen ist. Bewusstlose wurden in einfache Autos geladen und irgendwo hingefahren. Einer hatte ein zertrümmertes Schlüsselbein und bekam Herzprobleme. Das war am 13. August. Er verlor das Bewusstsein, sie riefen einen Rettungswagen. Die Sanitäter kamen, und einer fragte: „Was macht ihr denn hier mit den Menschen?!„ Darauf ein OMON-Mann: „Willst du echt wissen, was wir hier machen? Wir holen dich gleich mit rein, dann wirst du schon sehen.”

„Personen, die sich im Untersuchungsgefängnis befinden, Stand 15:30 vom 17.08.20”
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„Menschen wurden auch farbig markiert, je nachdem, wer besonders brutal und wer weniger hart geschlagen werden sollte. Journalisten wurden anders gekennzeichnet – sie wurden gesondert „geröstet”. Unter ihnen war ein Blogger, der hat am meisten abbekommen. Sein Gesicht habe ich aber nicht gesehen, wir durften den Kopf nicht heben. Anderthalb Tage lang mussten wir knien. Bei der kleinsten Bewegung wurde man geschlagen. Leute in weißen T-Shirts mit roten Kreuzen wurden auch besonders hart geschlagen: Sie halfen Verletzten auf den Straßen. Wenn sie in ihren Taschen Medikamente fanden, wurde ihnen das rote Kreuz mit Schlagstöcken direkt auf den Rücken geprügelt. „Du stehst auf Kreuze, was? Wir machen dir gleich ein Kreuz.” Ein Polizist der Sondereinheit war besonders brutal – viele erinnern sich an ihn und sprachen sogar in Sluzk im Gefängnis noch von ihm. Er hat einen Sprachfehler, ich könnte ihn sofort an seiner Stimme erkennen. Und dann erzählten alle auch noch von irgendeiner Karina aus der Haftanstalt im Frunze-Bezirk.

Am Ende bekam ich 15 Tage Haft, obwohl ich nichts unterschrieben habe. Vor Gericht fragten sie mich, ob ich mich für schuldig bekenne. Natürlich nicht! Aber dann gab es Zeugen: einen Polizisten und einen von der OMON-Sondereinheit. Auf meinen Einwand, sie seien parteiisch, sagten sie zu mir: „Du bist wohl besonders schlau, was?” Das Urteil wurde gefällt. Sie legten uns mit dem Gesicht auf den Boden und so lagen wir dann bis zum Abend. Dann wurden ich und etwa 120 andere Personen in Gefangenentransporter geladen und nach Sluzk gebracht. Es wird erzählt, dass viele auf Untersuchungsgefängnisse in anderen Städten verteilt wurden, um die Statistik in der Hauptstadt zu verschönern.

Viele landeten völlig zufällig in der Zelle. Ein Mithäftling kam einfach von seinem Kleingarten zurück in die Stadt. Er stieg aus dem Sammeltaxi aus, und da wurde er schon verhaftet. Da waren auch Vater und Sohn, die Familie stammt aus dem Kaukasus – sie parkten vor ihrem Haus und wurden dort verhaftet. Ein U-Bahn-Fahrer war auch dabei: Seine Schicht war gerade zu Ende, er stieg aus dem Zug aus und ging zur Station. Da wurde er gleich festgenommen. Sie haben zufällige Passanten festgenommen, vor allem Männer. Ich habe gehört, dass in Sluzk sogar eine schwangere Frau in einen der Transporter gezerrt wurde, habe es aber selber nicht gesehen.”

„Sie haben auf mich geschossen, aber nicht getroffen”

Der junge Mann, der still daneben saß, fing plötzlich an zu reden: „Und ich ging einfach nur Zigaretten holen, gegen 19 Uhr. Ich habe 72 Stunden in Haft verbracht.” Eine Frau, die zunächst in einiger Entfernung stand und abwesend vor sich hin blickte, erzählt: „Mein Ehemann ging Brot kaufen und wurde direkt im Supermarkt festgenommen.” Allmählich versammeln sich weitere Menschen um uns. Auch ein katholischer Priester kommt auf uns zu.

„Care-Pakete für Freigekommene”; „Wasser kostenlos für euch”.
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Alexander, der Priester, beklagte, dass kein einziger Geistlicher Akrescina betreten darf, dabei ist es in allen zivilisierten Ländern ein Grundrecht:

Am Donnerstag, als wir nicht durchgelassen wurden, haben wir den Sanitätern Damenbinden zugesteckt. Direkt in die Jacken- und Hosentaschen. Soweit ist es schon gekommen! Ich bin katholischer Priester und habe ein Keuschheitsgelübde abgelegt – und muss nun Damenbinden ins Gefängnis schmuggeln. In dem Moment war es einfach das Allernötigste. Daran gibt es nichts Schlechtes, aber diese Zustände sind die reinste Barbarei! Wir können keine Andachten halten, weil auch das als Kundgebung, Aktion oder gar Provokation gedeutet werden kann. Wir können die Menschen nur individuell ansprechen. Erzbischof Kondrusewitsch weiß Bescheid und wird sich an die Regierung wenden, damit wir ins Gefängnis hineingehen dürfen

Während unseres Gesprächs fahren drei Wagen des Roten Kreuzes mit humanitärer Hilfe vor die Tore von Akrescina. Man lies sie hinein. „Man lässt sie durch, sie haben Absprachen getroffen. Am Freitag wollten wir den Freiwilligen vom Roten Kreuz Hilfsgüter für die Gefangenen mitgeben, aber sie haben sie nicht angenommen. Sie sagten, wenn man das sieht, dürfen auch sie nicht hinein“, seufzt der Priester.

Auf dem Rasen treffen wir auch den berühmt-berüchtigten Künstler Alexej Kuzmitsch, der seine Sachen abholen will. An seine Performances werden sich einige viele erinnern. Er übte radikale Kritik am Kultusministerium, brachte seine politischen Ansichten am 9. August im Wahllokal zum Ausdruck, und am selben Abend trat er in Gestalt von Christus vor die OMON-Leute. In dieser Nacht kamen Uniformierte zu ihm nach Hause, schlossen den Vorraum zu seiner Wohnung auf und versuchten, seine Haustür mit der Axt einzuschlagen. Alexej rief sofort seinen Anwalt Sergej Zikratski und die Presse an. Dann geschah Folgendes (wir geben seine Geschichte wörtlich, ohne redaktionelle Eingriffe wieder).

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„Man hat noch im Wahllokal versucht, mich festzunehmen, aber ich konnte entkommen. Am Abend habe ich meine Performance fortgesetzt und ging auf die zentrale Straße („Prospekt der Unabhängigkeit”). Ein Reporter der Nowaja Gazeta sagte mir später, er habe gesehen, wie die Einsatzkräfte auf mich schossen, mich aber verfehlten. Ich kam kurz vor Sonnenaufgang nach Hause und fünf Minuten später donnerten sie gegen meine Tür. Sie klebten den Türspion mit Kaugummi zu, gaben vor, meine Freunde zu sein und redeten Unsinn. Irgendwann fiel das Kaugummi ab, und ich sah, wie sie versuchen, meine Tür mit einer Axt einzuschlagen. Dann kam mein Rechtsanwalt und sah sich die Papiere dieser Personen an. Es waren drei Mitarbeiter der zentralen Bezirksverwaltung des Inneren, Polizisten also. Ihr Chef war irgendein Major – an die Nachnamen kann ich mich nicht erinnern.

Wir fuhren zur Polizeistation. Unterwegs fragten mich meine Begleiter über die Performances aus und sagten, sie würden meine Aktivitäten kennen und verfolgen. Für eine gewisse Zeit waren diese Leute freundlich. In der Bezirksverwaltung haben sie mich vernommen und gesagt, dass sie mich jetzt wegsperren. Mein Rechtsanwalt blieb so lange wie es ging, bis zur Protokollunterzeichnung, obwohl die anwesenden Beamten versuchten, ihn aus dem Raum zu schubsen. Danach wurde ich auf dem Polizeirevier in einen sogenannten Becher gesteckt, wo mir klar wurde, dass ich nun völlig entrechtet war: Ich wurde zu einem Gegenstand degradiert, mit dem sie alles machen konnten.

In der neun Quadratmeter großen Zelle waren 30 Personen. Wir standen da, wie Sardinen in der Dose. Immer wieder wurde jemand von uns zum Verhör hinausgeführt und verprügelt, manche kehrten sogar nackt in die Zelle zurück. Die Fahnder, sagt man, wüteten oben im vierten Stock, um Geständnisse zu erzwingen und Protokolle unterschreiben zu lassen. Ich blieb dort zwei Tage lang, obwohl viele in dieser Zeit verlegt wurden. Am zweiten Tag kamen OMON-Leute, führten uns auf den Hof und verprügelten uns. Dann wurde ich in einen Polizeitransporter gesteckt und ins Akrescina gefahren, wo es noch mehr Prügel gab. Schließlich kam ich in eine „Freiluftzelle” – ein Verschlag aus Beton mit Gittern über dem Kopf. Da waren schon an die Hundert Menschen. Zwei Stunden später wurde ich von Sanitätern abgeholt – ich habe einfach Glück gehabt. Ich stand direkt am Eingang, ein junger Arzt sprach mich an und fragte, wie es mir geht. Ich hatte starke Rückenschmerzen und konnte nicht stehen. Schließlich wurde ich zum Rettungswagen geführt, obwohl die Mitarbeiter der Haftanstalt sich stark widersetzten. Sie wussten wer ich bin, hassten mich wie die Pest und sagten, das „Belehrungsgespräch„ mir mir sei gerade erst losgegangen. Danke an die Ärzte, die mich herausgeholt haben! Später sagte mir der Arzt, dass er mich bewusst gerettet hatte, sonst hätten sie mich sehr brutal zusammengeschlagen.”

„Ärztliche Hilfe”; „Betraum”; „WC”; „Persönliche Gegenstände aus der Haftanstalt abholen”; „Psychologische Beratung”.
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Später erfahren wir, dass Alexej alle persönlichen Gegenstände wiederfinden und abholen konnte. Die Gerichtsverhandlung ist für den 19. August angesetzt. Im Moment leidet er immer noch unter Rückenschmerzen, hat Blutergüsse und Prellungen. Dennoch lehnte der Künstler eine gerichtsmedizinische Untersuchung ab.

Wir laufen zu den Zelten der Anwälte und Sanitäter und versuchen immer noch, die Berichte von der grauenvollen Willkür und Gewalt zu verarbeiten. Einige Meter weiter kommt eine Frau auf uns zu – vielleicht hatte sich herumgesprochen, dass verdeckte Journalisten vor Ort sind, oder sie sah einfach meinen verstörten Gesichtsausdruck. Olga ist Psychologin, wie sich herausstellte. Sie hilft den Menschen, die aus dem Untersuchungsgefängnis frei kommen, und ihren Familien. Hier ist ihre Geschichte in ihren eigenen Worten, ohne redaktionelle Eingriffe.

Fast alle berichten von Demütigungen und körperlicher Gewalt in Akrescina. Viele haben eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Die Symptome können ganz unterschiedlich sein: Manche werden unruhig und ängstlich, empfindlich und reizbar, während andere sich verschließen und vor neuen Menschen und Orten fürchten, misstrauisch werden. Fast alle, die hinter diesen Mauern inhaftiert waren, kamen heute in Begleitung ihrer Verwandten. Die Meisten haben regelrecht Angst davor, ihre Wohnung zu verlassen. Einige kommen gar nicht wieder hierher, um mit den traumatischen Erinnerungen nicht konfrontiert zu werden. PTBS ist ein heimtückisches Trauma mit Langzeitfolgen. Es ist besser, wenn die Betroffenen sofort damit beginnen, über das Erlebte zu sprechen und die Emotionen zu verarbeiten, aber es gibt auch viele Fälle, in denen das nicht gelingt. Heute kam zum Beispiel eine ältere Frau zu uns, deren Sohn hier inhaftiert war. Er hat Albträume und weigert sich, in die Haftanstalt zurückzukommen. Fast alle Entlassenen wurden zusammengeschlagen, haben Knochen- und Wirbelsäulenbrüche. Einige sagen, sie wurden so hart geschlagen, dass die Schlagstöcke kaputt gingen. Ein Freigelassener erzählte mir, dass sein Mithäftling ein Auge verloren hat – das Auge ist einfach herausgeflossen, sie hatten sich mit dem Schlag verschätzt. Dabei wurden Einige bereits auf den Polizeistationen verprügelt. In Akrescina mussten die Menschen dann lange im Hof knien, barfuß, mit dem Gesicht zum Boden. Manche verbrachten so die ganze Nacht. Einige wurden absichtlich mit kaltem Wasser übergossen.

Die Vollstrecker von Akrescina wurden auch vom System gebrochen

Wir nähern uns dem Zelt der Anwälte. Sie wollen nur anonym mit uns sprechen und fragen mehrfach nach, ob die Tonaufnahme nicht online gestellt wird. Auch ihnen ist bewusst, dass das Camp spontan entstanden ist und jederzeit geräumt werden kann. „Wir werden immer wieder vertrieben. Das Ganze ist sehr heikel und kann nur dank öffentlicher Aufmerksamkeit funktionieren. Das ist die einzige Möglichkeit, diese Hilfe zu leisten. Wir mussten heute schon einmal umziehen: Anfangs war das Camp näher an Akrescina dran. Es kann sein, dass wir morgen wieder umziehen müssen – so werden wir hier behandelt,” berichtet ein Jurist.

„Rechtsanwälte”; „Verbot von Foto- und Videoaufnahmen”.
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Die Anwälte wechseln sich ab, man kann jederzeit rechtlichen Beistand bekommen. Es wird zum Beispiel dabei geholfen, einen Antrag auf Abholung persönlicher Gegenstände zu erstellen – oder, wenn die Sachen weg sind, eine Beschwerde einzureichen, ein vermisstes Auto zu melden oder gegen ein bereits in Kraft getretenes Gerichtsurteil zu appellieren. Viktoria [Name von der Redaktion geändert – KYKY.ORG] berichtet:

Wenn das Gericht veranlasst hat, jemanden zur verwaltungsrechtlichen Haftung zu ziehen, und das Urteil noch nicht von einer übergeordneten Instanz außer Kraft gesetzt wurde, kann der Betroffene eigentlich in Haft bleiben. Alle, die frei kommen, können im Laufe der nächsten zwölf Monate zur Strafverbüßung zurückgeholt werden. Daher müssen wir diese Urteile anfechten! „Entlassen” heißt nicht „für unschuldig befunden”, sondern nur, dass die Zellen überfüllt sind.

Deswegen sagen wir immer: Reichen Sie einen Appell ein. Die meisten Festgenommenen bekommen die Beschlüsse weder zu sehen noch zu lesen, ihnen wird nichts erklärt, die Gerichtsverhandlungen sind sehr kurz. Viele können sich an gar nichts erinnern, schon gar nicht an die Namen der Richter, die die Urteile gefällt haben. Wir erklären die Abläufe, wann und wohin man sich wenden kann. Wir nehmen Informationen und Kontaktdaten auf, wenn zusätzliche rechtliche Hilfe benötigt wird. So gut wie alle Rechtsanwälte sind im Moment bereit, verletzte Teilnehmer der friedlichen Proteste kostenlos zu beraten.

Wir fragen, ob diejenigen, die ihre persönlichen Sachen abholen kommen, wieder in Haft kommen können. Viktoria bestätigt, dass es solche Fälle gegeben hat, aber Grund dafür waren Konflikte mit den OMON-Leuten. Mittlerweile kommt das nicht mehr vor – niemand wird wieder festgenommen.

Wir nähern uns den Sanitätern und treffen einige Menschen mit Zetteln, auf denen „Fahrer” steht. Sie sagen, sie seien gekommen, um Freigelassene nach Hause zu fahren. Bis jetzt hat sich noch niemand bei ihnen gemeldet.

Ehrenamtliche Fahrer.
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Wir gehen an einer Ladestation für Smartphones vorbei, die Helfer bieten uns Brötchen und Wasser an. Schließlich kommen wir bei den Sanitätern an. Sobald sie die Kamera sehen, werden sie sehr nervös und wollen unsere Presseausweise sehen – „bloß nicht von der BelTA” [regierungsnaher Nachrichtendienst – Anm. d. Üb.]. Nur eine Person ist bereit, mit uns ganz kurz zu sprechen, wenn völlige Anonymität gewährt wird.

„Sie dürfen hier filmen – das ist kein Verbot, sondern eine Bitte. Als hier am Sonntag Kameramänner aufgetaucht sind, ertönte aus der Haftanstalt ein schreckliches Gestöhn, unvorstellbar schlimm. Wir denken in erster Linie an den Zustand der Menschen dort, ein Stück weit auch an unsere eigene Sicherheit. Selbstverständlich dokumentieren wir alle Fälle und Verletzungen. Hoffentlich sind diese Informationen in Zukunft von Bedeutung. Zur Zeit stellen wir fest, dass Prozesshandlungen zu nichts führen, aber früher oder später werden diese Informationen ein breites Publikum erreichen”, sagte ein Arzt. In diesem Moment kommt eine ältere Dame zum Ärztezelt, wahrscheinlich begleitet sie hier jemanden oder wartet auf einen Festgenommenen. Sie lässt sich den Blutdruck messen – wegen der nervlichen Anspannung.

Wir verabschieden uns von den Sanitätern, einige umarmen uns. Auf dem Rückweg schweigen der Fotograf und ich. Erst später, im Auto, spricht er zu mir, während wir uns dem Zentrum nähern: „Das ganze System ist so aufgebaut. Man kann es nicht verändern, nur zerstören, bevor es dich zerstört. Die Vollstrecker von Akrescina wurden auch irgendwann vom System gebrochen. Diese Menschen sind schwer geisteskrank.” Er hat Recht, aber ich kann es einfach immer noch nicht begreifen – ist das wirklich die Realität im 21. Jahrhundert und mitten in Europa? Wie konnte es so weit kommen?

Wurden die Inhaftierten früher auch so grausam behandelt? Vielleicht hat die breite Öffentlichkeit früher nichts davon mitbekommen und es gab deshalb keine öffentliche Resonanz?

Warum gab es so lange keine öffentliche Diskussion darüber, woran dachten wir damals, was verstellte uns die Sicht? Was gerade in Akrescina geschieht, ist nicht die Willkür Einzelner, sondern ein System. Alles ist genau koordiniert und abgesprochen, auch mit den Gerichten.

Das Gesetz ist in Belarus außer Kraft gesetzt. Die aktuellen Ereignisse sind ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, ein Widerhall des GULAGs. Aber es gibt auch Positives: Das gemeinsame Leid ließ die Menschen noch stärker zusammenrücken, die Zivilgesellschaft ist noch aktiver geworden. Ein neues Füreinander, ungekannte Dimensionen von Solidarität und gegenseitiger Hilfe – einfach unglaublich. Belarusen, wir sind echt stark! Schaut euch nur an, was wir in der kurzen Zeit erreicht haben. Und die Mauern von Akrescina werden früher oder später auch einstürzen.