Belarus Daily | 20. Nov

Belarusen nehmen Abschied von Raman Bandarenka; Telefongespräche von Lukaschenkos Vertrauten tauchen im Internet auf

20. November 2020 | BYHelp-Mediagroup
Während der Trauerfeier für Raman Bandarenka war ein Halo zu sehen.
Source: Salidarnasz

Tausende von Menschen nehmen an der Trauerfeier für Raman Bandarenka teil

Am 20. November wurde Raman Bandarenka beerdigt, den Unbekannte in seinem eigenen Hof wegen der am Zaun befestigten weiß-rot-weißen Bändchen zu Tode geprügelt hatten.

Mehrere tausend Menschen kamen, um sich vom jungen Mann zu verabschieden. Die Gedenkveranstaltungen fanden auch in verschiedenen Stadtteilen von Minsk und in anderen belarusischen Städten sowie außerhalb des Landes statt. Während der dem getöteten jungen Mann gewidmeten Trauerfeier erschien am Himmel ein seltenes Phänomen – ein Halo. Und am Abend nach der Trauerfeier erstrahlte der Himmel in Farben, die an belarusische Nationalsymbole erinnern.

Source: Reform.by
Source: Salidarnasz
Source: Telegram-Kanal Nascha Niva
Performance von Studenten der Akademie der Künste zum Gedenken an den verstorbenen Raman Bandarenka, der Absolvent dieser Akademie war.
Source: TUT.BY

Sieben weitere Länder schließen sich den EU-Sanktionen gegen Belarus an

Die EU-Sanktionen wurden von folgenden Staaten unterstützt: von den EU-Eintrittskandidaten Republik Nordmazedonien, Montenegro und Albanien, den Mitgliedern des Europäischen Wirtschaftsraums Island, Liechtenstein und Norwegen, sowie von der Ukraine.

Das erste Sanktionspaket gegen Belarus wurde am 2. Oktober von der EU verabschiedet. 40 belarusischen Sicherheitsbeamten und Mitgliedern der Zentralen Wahlkommission wurde infolgedessen die Einreise in die Europäische Union untersagt, ihr Vermögen in Europa wurde eingefroren. Damals wurde Alexander Lukaschenko nicht in die Sanktionsliste aufgenommen, „da dies die Forderung Brüssels untergraben würde, mithilfe der OSZE einen Dialog mit der Opposition aufzunehmen und politische Gefangene freizulassen“.

Das zweite Sanktionspaket wurde am 6. November verabschiedet. Die Europäische Union verhängte Sanktionen gegen Alexander Lukaschenko und 14 hohe Beamte. Später will die EU die Beziehungen zum offiziellen Minsk minimieren, während die Finanzierung staatlicher Programme gänzlich eingestellt werden soll.

Source: TUT.BY

Aufzeichnungen von Telefongesprächen von Personen, die Lukaschenko nahe stehen, gelangen ins Internet. Wer hat das getan und warum?

Am Abend des 19. November erschien auf YouTube die Aufzeichnung eines Gesprächs zwischen einem Mann und einer Frau, deren Stimmen denen des Chefs des belarusischen Eishockeyverbands Dsmitry Baskau und der Pressesprecherin von Alexander Lukaschenko Natallia Eismant sehr ähnlich sind. 

In mehreren Telefongesprächen zwischen der mutmaßlichen Eismant und dem mutmaßlichen Baskau einigen sich die Gesprächspartner darauf, wie sie in Minsker Innenhöfe fahren werden, um die weiß-rot-weißen Symbole, Bilder und Inschriften an den Wänden zu entfernen. Sie diskutieren auch, ob es notwendig sei, die Nummernschilder von Autos zu entfernen, welche Art von Waffen mitgenommen werden soll und wie die Polizei ihre Sicherheit garantieren wird. Unter anderem wird besprochen, ob sie Wein mitnehmen wollen. Vor dem Hintergrund der Todesfälle, der Misshandlungen und Folterungen von Belarussen empfindet man solche Gespräche als Gipfel des Zynismus.

Für Kommentare standen die angeblichen Gesprächsteilnehmer nicht zur Verfügung.

Zur Erinnerung: Raman Bandarenka, dessen Beerdigung am 20. November in Minsk stattfand, starb nach einer Auseinandersetzung mit denselben Unbekannten. 

Übrigens ist dies nicht die erste Aufzeichnung der Gespräche zwischen hochrangigen Beamten, die veröffentlicht worden ist. Im Gespräch zwischen dem angeblichen Dsmitry Baskau und dem angeblichen Dsmitry Schakuta ging es um den Abend, an dem Raman Bandarenka zusammengeschlagen wurde, und um seinen Zustand. 

Die wichtige Frage bleibt: Wer hat diese Gespräche öffentlich gemacht und damit den engsten Kreis von Lukaschenko diskreditiert, und warum?

Der Pressesprecherin von Alexander Lukaschenko (Natallia Eismant) ähnelnde Frau, während der Streife in Minsker Innenhöfen.
Source: TUT.BY via Telegram-Kanal Nascha Niva

Straßenmusiker wegen „falscher“ Lieder verhaftet

Am Morgen des 20. November nahm die Polizei Straßenmusiker in einem U-Bahnübergang in Minsk fest. Es waren Studenten der Minsker Musikhochschule. Sie spielten das Lied „Wandel“ von Viktor Tsoi, das zum Symbol des Protests geworden war. Zwei der Musiker waren unter 18, sie wurden sofort entlassen. Die übrigen wurden in Gewahrsam gebracht und standen noch am selben Tag vor Gericht. Den Musikern wurde vorgeworfen, „ohne Erlaubnis an einem nicht dafür bestimmten Ort“ gespielt zu haben. In Wahrheit werden in Belarus Menschen wegen falscher Lieder festgenommen. Zuvor wurden die bekannten „DJs des Wandels“ dafür festgenommen und geschlagen, da sie dieses Lied bei einer vom Staat organisierten Veranstaltung gespielt hatten. Nach Angaben der Freunde hatten die Jungs, die am 20. November in der U-Bahn festgenommen wurden, die Erlaubnis, aufzutreten. Sie erhielten 12 und 13 Tage Haft.

Natallia Dulina gab nach ihrer Freilassung aus dem Gefängnis ein großes Interview: „Es ist sehr schwierig, gegen die innere Freiheit anzukämpfen, die Belarusen jetzt in sich selbst entdeckt haben“

Natallia Dulina, Dozentin für italienische Philologie an der Staatlichen Linguistischen Universität Minsk, verbrachte 14 Tage im Gefängnis. Am Montag, dem 26. Oktober, nahm sie an einem Streik teil, bereits Ende der Woche wurde sie entlassen. Als Natallia an der Universität erschien, um ihre Dokumente abzuholen, wurde sie festgenommen.

Was sie von den jüngsten Ereignissen hält, erzählte Natallia Dulina im Gespräch mit Journalisten. Hier sind einige Zitate:

  • Die erste Person, mit der ich in einer Zelle landete, war ein Dirigent. Ungefähr eine Stunde später wurde zu uns noch eine Frau gebracht, die mich erkannte und mir sagte, dass die Informationen über meine Festnahme sofort in den Medien verbreitet wurden (…) Dann kam eine Schauspielerin dazu, als nächstes eine ehemalige Kunsthochschullehrerin…
  • Während in Europa der Freiheitsentzug an sich bereits als Strafe angesehen wird, scheint es, dass die Inhaftierten hierzulande mit Leid bestraft werden sollen. Ansonsten ist es für mich schwer zu verstehen, warum man einer Person einige grundlegende Dinge verweigert.
  • Solange ein Mensch lebt, kann man ihm seine innere Freiheit nicht nehmen. Es ist sehr schwierig, gegen die innere Freiheit anzukämpfen, die Belarusen jetzt in sich selbst entdeckt haben. Vielleicht bin ich naiv und habe ein schlechtes Verständnis von Politik, aber es scheint mir, dass die Macht im Guten liegt, und ich glaube fest an den friedlichen Protest.
Natallia Dulina.
Source: TUT.BY
Frauen in der Zelle,gezeichnet von Natallia Dulina.
Source: TUT.BY

For more information on the events of 20 November 2020, please visit Infocenter Free Belarus 2020: