Belarus Daily | 16. Nov

100 Tage Proteste in Belarus: Mediziner stellen Ultimatum, Schwangere zu 25 Tagen Haft verurteilt, junger Mann, der von einem Bus der Sicherheitskräfte angefahren wurde, wegen „Rowdytum“ angeklagt

16. November 2020 | BYHelp-Mediagroup
Source: TUT.BY

100 Tage nach der Wahl: Proteste lassen nicht nach

Seit 100 Tagen versetzen die Belarusen die ganze Welt und vor allem sich selbst mit ihrer Einigkeit und Hartnäckigkeit im Kampf gegen die Diktatur in Staunen. Dieser Kampf dauert weiter an, er findet täglich auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen Regionen statt.

Langsam aber unaufhaltsam treten den Streikkomitees der großen Unternehmen immer neue Mitglieder bei. Am Montag haben neun Arbeiter von Belaruskali, zwei von Naftan und einer von Grodno Azot ihren Protest auf diese Weise zum Ausdruck gebracht.

Dozenten und Mitarbeiter der Staatlichen Universität Polatsk appellieren an die Regierung und Bevölkerung von Belarus. Sie erinnern daran, dass es in Belarus keinen Platz für Lügen, Unhöflichkeit und Gewalt geben sollte.

Die Rentner kamen zum traditionellen „Marsch der Weisheit“: Mehr als tausend Menschen demonstrierten im Zentrum der Hauptstadt.

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100 Tage Kampf: Eskalation der Gewalt durch das Regime

Als Reaktion auf den Protest handeln die Behörden zunehmend grausam, unmenschlich und gesetzlos.

Menschen, die Belarusisch sprechen, werden bei Verhaftung mit Farbmarkierungen für besonders brutale Misshandlungen und Schikanen gekennzeichnet.

Eine schwangere Frau, die zusammen mit ihrer Mutter festgenommen wurde, wurde von einem Richter zu 25 Tagen Haft verurteilt – statt der für Demonstrant*innen üblichen 15 Tage.

Ein Strafverfahren wegen „Rowdytum“ wurde gegen einen Mann angestrengt, der von einem Kleinbus der Sicherheitskräfte angefahren wurde: Die Strafverfolgungsbeamten behaupten, dass der Mann Steine nach dem Dienstfahrzeug geworfen habe.

So werden Festgenommene markiert, die besonders stark verprügelt werden sollen.
Source: Nasha Niva
Das Ohr des Mannes ist mit Farbe markiert, man kann auch sehen, dass er geschlagen wurde. Einige Gefangene werden von den Sicherheitskräften gezwungen, vor der Kamera vor der offiziellen Nationalflagge „ihre Fehler einzugestehen“.
Source: Nasha Niva

100 Tage Proteste: Sicherheitskräfte belagern ein Viertel 15 Stunden lang

Am 15. und 16. November zerstörten die Behörden im ganzen Land konsequent Mahnmale für Raman Bandarenka. Auch die Gedenkstätte auf dem „Platz des Wandels“ wurde zerstört. Menschen, die die Gedenkstätte verteidigten, wurden verhaftet. Viele konnten sich in den nächstgelegenen Häusern verstecken.

Massenhafte Festnahmen am Platz des Wandels.
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Die brutale Auflösung endete mit einer beinahe militärischen Belagerung.

Den ganzen Abend, die ganze Nacht und den ganzen Morgen, 15 Stunden lang, gingen die „Gesetzeshüter“ von Haus zu Haus und suchten nach Menschen, die sich versteckt hatten. Sie haben an den Türen geklingelt und einige aufgebrochen. Jeder, der das Haus verließ, wurde kontrolliert. Wer keine Papiere bei sich hatte, die den Wohnsitz im Viertel bestätigten, wurde festgenommen.

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Die Menschen mussten sich in Kellern und Wohnungen von Fremden verstecken. In einzelnen Wohnungen sollen sich bis zu 20 Personen versteckt haben. Die Menschen saßen auf dem Boden, standen nicht auf und schalteten das Licht nicht ein, da die Sicherheitskräfte mit Hilfe von Drohnen nach ihnen suchten. Wenn in der Wohnung Bewegung festgestellt wurde, drangen Sicherheitskräfte dort ein und brachten alle Anwesenden in die Gefangenentransporter. In einer dieser Wohnungen gelang es zwei Personen sich vor Verhaftung zu retten, indem sie sich hinter dem Sofa versteckten, die übrigen wurden festgenommen.

Eine Gruppe von Demonstranten, die vor den Verfolgern floh, klingelte bei einer Wohnung, um sich zu verstecken, und platzte mitten in eine Hochzeitsfeier. Sie wurden herzlich willkommen geheißen und als Gäste vorgestellt.

Sicherheitskräfte verfolgen Menschen in einen Minsker Hauseingang.
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100 Tage Konfrontation: Die Mediziner stellen Ultimatum – Wir können Misshandlungen und Erniedrigungen nicht länger tolerieren

Die Ärztevereinigung „Belye Chalaty“ („Weißkittel“) hat Daten veröffentlicht, wonach die Zahl der COVID-19-Fälle im Land täglich mindestens um 6.000-9.000 Menschen zunimmt. Nach der offiziellen Statistik des Gesundheitsministeriums sind es nur 1.100-1.200 Personen.

Unter solcher Belastung sind die Mediziner einem extremen Risiko ausgesetzt. Bisher sind zwei Fälle von Ärzten bekannt, die am Coronavirus gestorben sind. Doch selbst unter solchen Umständen üben die Behörden weiterhin Druck auf die Ärzte aus, ohne den Krankenhäusern auch nur minimale Schutzausrüstung zur Verfügung zu stellen.

Am 15. November wurden drei renommierte Onkologen ihrer Freiheit beraubt. Am 16. November, wurde bekannt, dass Andrej Wituschko, ein hochqualifizierter Intensivmediziner, der mit Frühgeborenen arbeitet, Doktor der Medizinwissenschaften, Magister der Geisteswissenschaften, Kinderarzt mit fast 20 Jahren Erfahrung, seinen Vertrag nicht verlängert bekommt. Am 10. August wurde Andrej Wituschko zusammen mit seiner Frau verhaftet, als sie in der Nähe der Polizeiwache auf ihren minderjährigen Sohn warteten. Der Arzt hatte seine politische Position offen zum Ausdruck gebracht.

Die Ärztevereinigung „Weißkittel“ droht in einem Ultimatum an die Regierung mit massenhaften Kündigungen, wenn ihre Forderungen nach Beendigung der Gewalt, Freilassung der politischen Gefangenen und Ungültigerklärung der Wahlergebnisse nicht erfüllt werden.

Source: Reform.by

Vorher hatten Wizebsker Mediziner eine sehr starke Videobotschaft veröffentlicht:

(Schalten Sie die Untertitel ein und wählen Sie über die Videoeinstellungen eine Sprache aus.)
Source: Voice of Belarus

BY_help zahlt weiter, trotz Einmischung der Regierung

Nachdem die Regierung damit begonnen hat, die Konten von Belarusen zu sperren, die von der Kampagne von BY_help Unterstützung erhalten haben, startete der Solidaritätsfonds BYSOL eine neue Initiative. Sie verbindet die Hilfsbedürftigen direkt mit Menschen, die bereit sind, Hilfe zu leisten. Darüber hinaus wird der BYSOL-Solidaritätsfonds, der bisher Menschen unterstützte, die ihren Arbeitsplatz aus politischen Gründen verloren haben, nun verschiedene Initiativen zur Entwicklung der Zivilgesellschaft unterstützen, zum Beispiel, Hofinitiativen.


For more information on the events of 16 November 2020, please visit Infocenter Free Belarus 2020: