„Jetzt habe ich keine Angst mehr”

Der Stiefsohn wurde auf Akrescina geschlagen, und sein Stiefvater ging auf den Platz hinaus

30. August 2020, 13:14 | Yekaterina Panteleeva, TUT.BY
Vladimir Skalik
Vladimir Skalik.
Source: Vadim Zamirovskij, TUT.BY

Für jeden, der diesen Text liest, beginnt diese Geschichte mit dem Vater. Obwohl sich in Wirklichkeit alles wegen seines Sohnes oder besser gesagt wegen seines Stiefsohnes zugespitzt hat. Am 10. August wurde Alexei Zhuk auf dem Heimweg von Ordnungskräften festgenommen. Der Bürger von Minsk wurde nach Akrescina gebracht. Er kehrte daher erst nach anderthalb Tagen, geschlagen, zurück. Alexeis blaue Flecken waren einer der Gründe, warum sein Stiefvater, Vladimir Skalik, MTZ-Traktorfahrer, anfing, auf den Platz zu gehen und dann ein Mikrofon mitnahm. Die emotionale Rede des Mannes verbreitete sich schnell im Internet. Jetzt wird der Fabrikarbeiter auf der Straße erkannt, obwohl für ihn, so sagt er, der Ruhm nicht wichtig sei. Alles, was er will, ist, in einem Staat zu leben, in dem Gesetze für die Menschen wirken und nicht gegen sie.

Vladimir Skalik arbeitet seit mehr als zehn Jahren bei MTZ (Minsker Traktorenwerk) als Traktorfahrer. Schon seit zwei Wochen geht er nach seiner Schicht im Werk auf den Platz, anstatt sich auszuruhen. Am Dienstag, dem 25. August, ging der Mann nicht nur auf den Unabhängigkeitsplatz hinaus, sondern kam auch zu dem „offenen Mikrofon”. Er sagt, es habe sich herangerollt: der Sohn hat Probleme mit dem Bein und „die Fabrikarbeiter ziehen sich bei dem Protest zurück”.

„Ich habe ein Kind, denn für Mütter und Väter ist ein Kind immer ein Kind, im Krankenhaus ...>, wurde mein Sohn operiert, das Bein verfault noch. Sie wollten ihm das Bein abnehmen… Die Jugend steht hier, wo seid ihr denn? Väter, wo seid ihr? Eure Frauen, die Ehefrauen, die Mütter sind hier. Wo seid ihr aber?”, Vladimir hielt seine Emotionen nicht zurück, „Traktorenwerk, seid ihr etwa Feiglinge? Die Bergleute aus Salihorsk sind  zu euch gekommen, haben euch unterstützt. Wo seid ihr denn eigentlich? Sergej (Sergej Dylevsky. – TUT.BY) wurde genommen, Olja (Olga Kovalkov. – TUT.BY) wurde entführt, wo seid ihr denn? Wie lange kann man eigentlich Angst haben? Hört auf, Angst zu haben ...> Es geht doch so nicht! Es tut mir leid für diese Kinder, für diese Mütter! Ja, ich bin Wolodya, ein einfacher Traktorfahrer des Traktorenwerkes. Aber so geht es nicht. Ich war hier jeden Tag, und ich werde hier sein. Selbst wenn man mich umbringen wollte, werde ich bei euch sein. Mit allen, die mutig rausgehen und sagen: „Es lebe Belarus!” Und es leben unsere Kinder!”

Vladimirs Rede.
Source: TUT.BY

Das Video von seinem Auftritt verbreitete schnell über das Internet. Seitdem nähern sich Bekannte und Unbekannte Vladimir auf der Straße und im Werk an. Passanten wollen ihm die Hand schütteln und interessieren sich: „Wie geht es Ihrem Sohn?” Der Sohn, oder besser gesagt der Stiefsohn Alexei, verbrachte eine Woche im Krankenhaus. Am Freitag, dem 28. August, wurde er entlassen.
„Seine Mutter, Raisa, und ich sind seit zwei Jahren zusammen”, sagt Vladimir, „Als wir zusammenkamen, sagte ich ihr: „Jetzt bist nicht nur du hinter meinem Rücken, sondern auch deine Bleistifte”.

Genau dieser „Bleistift” ist 33 Jahre alt. Trotz seines unkindliches Alters ist er für Vladimir „Ljoshik” und „Baby”. Ihre Beziehung ist eng und selbst während des Gesprächs im Hof des Krankenhauses versucht der Vater über die Schultern seines Sohns seine Jacke zu werfen.

„Wolodja, nicht nötig, mir geht es gut”, bittet Alexei ihn.

Mit Alexei hat diese Geschichte begonnen.

„Sie stellten uns an die Wand, zwangen uns in die Hocke und dann fingen zehn Leute an uns mit Schlagstöcken zu schlagen”

Alexei lebt zwischen den U-Bahn-Stationen „Puschkinskaja” und „Sportivnaja”. Am Abend des 10. August kehrte er nach dem Treffen in der „Frunzenskaja” U-Bahn Station zu seiner Familie zurück. Aufgrund der Kundgebungen wurde die U-Bahn vorzeitig geschlossen und der junge Mann ging zu Fuß nach Hause.

Aleksei Zhuk
Aleksei Zhuk.
Source: Vadim Zamirovskij, TUT.BY

„In den Nachrichten habe ich gelesen, dass die Hauptereignisse sich auf der Nemiga abspielen. Als ich also sah, dass der Transport auf der „Molodjoyhnaza” U-Bahn Station stillgestanden war, habe ich dem keine große Beachtung geschenkt . Ich dachte damals: „Wahrscheinlich war ein Meeting geplant”, erinnert sich der Gesprächspartner, „Ich ging noch ein Stück weiter und sah die Menschen in Schwarz, die wie eine Mauer standen. ‚Wohin gehst du?‘, schrien sie, ‚Wir werden schießen‘. Ich drehte mich um und ging in eine andere Richtung”.

Der zweite Versuch, nach Hause zu kommen, war durch die Hofflächen. So, erinnert sich Alexei, kam er zu McDonald’s an Puschkinskaja. Es gelang ihm, seine Frau zu warnen, dass er es bald schaffen  würde, aber er schaffte es nicht bis zur Wohnung. Die Menschen in Masken liefen bei der U-Bahn auf ihn zu.

„Ich trug ein T-Shirt, Shorts, Flipflops und eine Herrentasche über der Schulter”, fährt Alexei fort, „Sie rissen die Herrentasche ab, legten mich mit dem Gesicht nach unten und fingen an, mich mit einem Schlagstock zu schlagen. Sie fragten mich, ob ich die Steine auf sie geworfen hätte. Ich sagte: „Was für Steine? Ich gehe zu meiner Frau und meinem Kind. Dann zogen sie einen Elektroschocker, schlugen mich dreimal in die Nierengegend und luden mich in einen Gefangenentransporter”.

Das Telefon und die Herrentasche, wo die Schlüssel und der Beutel drin waren, so Alexei, blieben auf der Straße liegen. Die Gefangenen wurden nach Akrescina gebracht. Im Zentrum für Inhaftierung von Straftätern wurden alle aufgefordert, die persönlichen Gegenstände abzugeben.

„Ein Mitarbeiter kam auf mich zu und fragte: „Wo sind deine Sachen?”, worauf ich antwortete: „Sie sind auf Puschkinskaja geblieben”. Er hob mich auf, tastete mich ab und schlug mich dann mit einem Schlagstock. Wahrscheinlich für die Tatsache, dass ich keine persönlichen Gegenstände habe, überlegt der Gesprächspartner, „Dann wurden wir auf die Knie gezwungen, nach persönlichen Informationen gefragt und wieder geschlagen. Danach, so habe ich verstanden, wurden wir auf den Freistundenhof gebracht. Der Platz reichte nicht aus, also wechselten wir uns im Sitzen ab. Während des Tages, den wir dort verbrachten, wurden alle nur mit einem Laib Brot beworfen und zweimal zur Toilette gebracht. Am zweiten Tag wurden wir in eine Zelle verlegt. Sie war für sechs Personen konzipiert, aber am Ende waren es 45 Personen”.

Aleksei Zhuk after Akrescina
So kehrte Alexei aus dem Zentrum für Inhaftierung von Straftätern am Akrescina zurück. Das Foto wird von der Hauptfigur der Publikation zur Verfügung gestellt.
Source: TUT.BY

„Dann”, erinnert sich Alexei, „wir wurden aufgefordert die Gefängniszelle zu verlassen und in den Korridor hinausgehen. Sie bauten eine Linie auf und begannen, die Namen vorzulesen. Diejenigen, die namentlich genannt wurden, mussten an eine andere Wand gehen. So wurden 20 Personen ausgewählt. ‚Ihr habt Glück, heute nach Hause zu gehen’, wurde mitgeteilt, ‚die übrigen werden vor Gericht gestellt’. Die „Glücklichen” wurden gebeten, „heranzukommen und zu unterschreiben”.

„Wir fingen an zu rennen , dachten an das Büro, aber schließlich fanden wir uns draußen wieder. Dort wurde klar, dass wir nicht mit einem Stift unterschreiben würden”, kehrte der Gesprächspartner zu diesen Ereignissen zurück, „Man stellte uns an die Wand, zwang uns in die Hocke, und dann begannen zehn Menschen uns mit Schlagstöcken zu schlagen. Danach sagten sie: ‚Sie können frei sein’. Nach eineinhalb Tagen war ich also frei. Sie gaben mir keine Dokumente, dass ich auf der Untersuchungshaft war, keine Beweispapiere für meinen Arbeitgeber.

Nach den Schlägen, sage Alexei, konnte er sich zwei Tage lang nicht hinsetzen. Trotzdem hat er am nächsten Tag nach der Entlassung alle Kräfte gesammelt und ist in die Schicht gegangen. In ein Werk, in dem er als Schlosser arbeitet. Er ging nicht sofort zu den Ärzten. Nachdem er gelesen hatte, dass die Menschen in Sturmhauben die Krankenwagen fahren, hatte er Angst, Ärzte anzurufen, aber er verstecke sich nicht. Sein Bein tut ständig weh. Er beschloss, die Ambulanz zu rufen (103), nachdem die Solidaritätsaktionen im ganzen Land durchgeführt worden waren. Dann, sagt er, sei die Angst verschwunden.

„Der Arzt hat mich untersucht, verschrieb eine Salbe und Antibiotika. Fünf Tage vergingen, mein Bein wurde dennoch immer schlimmer. Ich ging in meine Poliklinik, von dort wurde ich in das 5. Krankenhaus geschickt, und dann wurde die Operation durchgeführt”, beschreibt der Gesprächspartner die Situation, “Sie machten drei Schnitte und legten eine Drainage, um den Eiter ablaufen zu lassen. Wie der Arzt erklärte, wurde ich so geschlagen, dass sich das weiche Gewebe von der Haut abgelöst hatte, sich Flüssigkeit zu bilden begann und diese nun entfernt werden musste. Der Arzt sagte, ich sei mit einem blauen Auge davongekommen. Hätte ich etwas später den Arzt aufgesucht, hätte es mit Wundbrand und einer Amputation enden können”.

Vladimir Skalik and Aleksei Zhuk
Vladimir Skalik und Aleksei Zhuk.
Source: Vadim Zamirovskij, TUT.BY

Alexei stellte keine Anzeige gegen die schlagenden Polizisten. Er sagt, er sei noch nie auf so etwas gestoßen und wusste nicht, was er tun sollte.

„Kürzlich erhielt ich einen Anruf von der Moskauer ROVD (Bezirkspolizei), in dem es hieß: „Sie haben der Poliklinik gemeldet, dass Sie auf Akrescina geschlagen wurden, wir wollen Sie zur Untersuchung schicken”, sagt er, „Ich sagte, was für eine Untersuchung, alles ist bereits abgelaufen”. Ich weigerte mich, irgendwo hinzugehen, sagte, die Operation sei erst vor kurzem geschehen. Die Frau, die mit mir sprach, antwortete, dass sie selber zu mir kommen würde. Bisher tat sie es nicht”.

„Haben Sie das Video von Vladimirs Auftritt gesehen?”

„Als ich auf Akrescina war, machte ich mir um alle meine Angehörigen Sorgen.  Ich durfte sie nicht anrufen, sie wussten nicht, wo ich war. Ich war sehr besorgt um sie, und sie, wie Sie auf dem Video sehen können, um mich”.

„Männer müssen ihre Frauen schützen, und wir haben alle Frauen herum”

„Als Ljosha am Abend des 10. August seine Frau anrief, hatte er etwa 15 Minuten Zeit, um nach Hause zu kommen”, erinnert sich Vladimir Skalik, “Die Zeit verging, es wurde immer später, er erschien aber nicht. Wir haben begonnen, ihn zurückzurufen – der Anrufer ist nicht erreichbar”. Wir begannen, die Polizei anzurufen – „Keine Informationen”. Am übernächsten Tag gingen Raya und Ljoshas Frau zu unserer Polizeiabteilung (RUVD). Unser Sohn tauchte in ihren Listen nicht auf. Ihnen wurde geraten, nach Akrescina zu fahren – wieder nichts. Raya hat seit zwei Tagen weder geschlafen noch gegessen. Am 12. August rief sie mich bei der Arbeit an und teilte mit: ‚Ljosha ist gekommen”. Als ich zurückkam und die beiden sah, wusste ich nicht, welcher von ihnen zuerst gerettet werden musste. Jeder Schlag, dem er ausgesetzt war, wirkte sich noch stärker auf ihr Herz und ihre Seele aus. Als ich diese Blutergüsse sah, war ich außer Rand und Band”. 

Minsk on 25 August
Minsk, 25. August 2020.
Source: Dmitrij Brushko, TUT.BY

Eine Woche lang, so Vladimir, sei er wie neben sich gewesen und habe dann erkannt, dass er nicht mehr von außen auf das Geschehen im Land schauen könne. Der Mann wurde einer derjenigen, der den Streik in dem MTZ (Minsker Traktorenwerk) unterstützte. Abends und an den Wochenenden begann er auszugehen. An diesem Montag, so der Gesprächspartner weiter, sei sein Arbeitsprotest beendet, aber er fährt fort, auf den Unabhängigkeitsplatz zu gehen.

„Ich bin ein fairer Mann, und ich verstehe, dass wir bei den Wahlen getäuscht wurden. Dies ist das erste. Der zweite Grund für meinen Protest sind die Beleidigungen von Alexander Lukaschenko, wir sind davon ermüdet. Entschuldigung, wir sind doch kein Dreckspack, wir sind das Volk”, erklärt er seine Entscheidung, „Der dritte Hintergrund ist die Geschichte mit Ljosha. Es stellt sich heraus, dass wir wie Hunde verspottet werden, und wir sollen schweigen? Nein, das sollte nicht passieren”.

Seine Frau Raisa ist sehr besorgt über Vladimirs bürgerschaftliches Engagement, aber er hat ein Argument dafür: „Stell dir vor”, sagt er, „ein Krieg ist ausgebrochen, ich gehe hin, und du sagst mir: „Pass auf dich auf’?  Das heißt, ich muß hinter den anderen verstecken, aber das mache ich nicht”.

„Sie weiß, dass ich immer in der ersten Reihe stehen werde. Am Werk kennt man mich auch von der anderen, meiner „normalen” Seite”, erklärt der Gesprächspartner seine Lebensposition, “Nachdem das Video von der Kundgebung online ging, wurde ich in die Direktion gerufen. Ich dachte, sie würden mich feuern, aber sie sprachen ruhig mit mir. Ich erklärte, dass ich nicht im Namen des Werks auftrat, sondern als Privatmann, als Traktorfahrer Wolodja”.

„In Ihrer Rede sprechen Sie die Männer an, warum?”

„Weil es so viel Missbrauch gibt. Die Männer müssen ihre Frauen schützen, und wir haben nur Frauen um uns herum. Lehrer sind Frauen, Ärzte sind Frauen. Und wo sind ihre Männer? Ich habe bemerkt, dass sie jetzt, wenn sie mir in der Fabrik entgegenkommen, Abstand halten. Vielleicht sind sie besorgt, dass ich als Mann, der auf den Platz geht, fragen kann: „Warum gehst du nicht raus?” Und dann müssen sie etwas antworten”.

Vladimir leugnet nicht: „An Wochentagen gehen immer weniger Fabrikarbeiter auf die Straße”. Er sieht darin zwei einfache Gründen: zum einen aus Angst vor OMON und zum anderen aus Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren. „Viele”, sagt er, „haben Kinder und Kredite”.

„Und warum haben Sie keine Angst?”

„Wahrscheinlich habe ich nach der Situation mit Ljoscha vor nichts mehr Angst”.

Vladimir at MTW
Vladimir at Minsk Tractor Works.
Source: Vadim Zamirovskij, TUT.BY

„Wie lange wollen Sie noch so gehen?”

„Den ganzen Weg”.

„Und wann  erkennen Sie, dass das Ende gekommen ist, dass man zu Hause bleiben kann?”

„Wenn die Gesetze in unserem Land für die Menschen funktionieren. Wenn ein Mann, auch in unserer Situation mit Ljoscha, der versucht, die Schuldigen zu bestrafen, nicht glauben muss, dass das Einzige, was er erreichen wird, eine Zurückweisung ist. Und wenn derjenige, der die Verantwortung für den Staat trägt, an die Menschen denkt und nicht an sich selbst”.